BÜCHER

"Arbeit am Problem der Arbeit"
Eine systemtheoretische Beobachtung für Management und Organisation
von Dirk Osmetz, GELLIUS academy, 2003

Es erscheint mir wichtig, vorweg zu erwähnen, dass das vorliegende Buch "Arbeit am Problem der Arbeit" als Dissertation an der Universität der Bundeswehr München am Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre verfasst wurde.

Dirk Osmetz beschäftigt sich intensiv mit dem Begriff Arbeit. Dabei stehen zwei Fragen im Vordergrund, wie der Untertitel schon verdeutlicht. Nämlich aus organisationaler Sicht: Was ist überhaupt Arbeit? und aus Managersicht: Wie lässt sich die (richtige) Arbeit in Organisationen herausfinden und beeinflussen?

Seine Beobachtungen zum Begriff Arbeit hat er in diesem Buch niedergeschrieben und lädt den Leser ein, an seinen Beobachtungen teilzuhaben und mit eigenen Beobachtungen zu verknüpfen.

Dazu beschreibt und entwickelt er zunächst einmal sein Beobachtungsinstrumentarium. Es besteht aus Beobachtungsmethoden, die seit zwanzig Jahren in der sozialwissenschaftlichen Literatur anzutreffen sind, aber aufgrund ihrer Abstraktheit bisher nur einem kleinen Kreis von eingeweihten Spezialisten zugänglich waren. Das könnte sich mit Osmetz Buch ändern, weil es ihm aus meiner Sicht weitgehend gelingt, die Schwere und Abstraktheit aus verschiedenen wissenschaftlichen Weltbeobachtungskonzepten zu nehmen. Vor allem vier Begriffe stellt er zur Untersuchung des Begriffes Arbeit vor: Die "Laws of Form" von dem Mathematiker George Spencer Brown, die "Autopoiesis" von dem Biologen Umberto Maturana, übertragen in die Sozialwissenschaften von Niklas Luhmann, die "Kybernetik zweiter Ordnung" von Norbert Wiener, weiterentwickelt vor allem von Heinz von Förster und der "radikale Konstruktivismus", wie ihn vor allem Ernst von Glasersfeld geprägt hat.

Alle vier Denkrichtungen verbindet vor allem die Tatsache, dass es keine beobachterunabhängige Wirklichkeit gibt. Osmetz zeigt auf, dass die klassische Erkenntnistheorie mit ihrer Leitdifferenz von "wahr" und "nicht wahr" an Grenzen stößt, geht es darum den Begriff Arbeit hinreichend eingrenzen zu wollen.

Allein die Laws of Form verdeutlichen, dass ein Ding oder Sachverhalt aus unterschiedlichen Perspektiven wahr und unwahr sein kann. Spencer Brown löst dieses Problem der paradoxen Wahrheit durch die Einführung der Zeit. So lässt sich zum Beispiel die Fragestellung, gab es im Mittelalter Viren, in unendlichen Wiederholungen mit ja und nein beantworten. Ja, aus heutiger Perspektive; nein, im Mittelalter war über Viren nichts bekannt und was keinen Namen hat, ist für menschliches Bewusstsein nicht existent. Die zwei sich widersprechenden Werte einer Aussage osszilieren auf der Zeitachse, so wie es in der menschlichen Wahrnehmung bei den bekannten Kippbildern Eschers zu erfahren ist.

Was macht nun Osmetz mit diesen beschriebenen Instrumenten? Er kommt zu der Einsicht, dass der Begriff Arbeit längst nicht so eindeutig zu definieren ist, wie uns vielfach suggeriert wird, dass eben die Zuschreibung des Begriffs Arbeit beobachter-abhängig ist. Zur Verdeutlichung drei Fragen:
  • Ist Lesen z. B. diese Buches Arbeit oder Vergnügen?
  • Ist gezeigte Freundlichkeit im kundennahen Bereich Arbeit oder Charaktereigenschaft?
  • Ist bei zunehmend intellektualisierten Arbeitsformen Nachdenken (Reflexion) notwendige Gehirnarbeit oder hinderliches Grübeln?

Wer könnte hier wohl eine trennscharfe Unterscheidung vornehmen. Mit Dirk Baecker gesprochen, so Osmetz, "was Arbeit ´ist`, wissen wir immer erst, wenn wir sehen, welcher Beobachter sich ihr nähert." (S. 99).

So gesehen ist die Form der Arbeit nicht greifbar und wie Osmetz in systemtheoretischer Sicht aufzeigt auch keinem Teilsystem zuordenbar (S. 175). Erinnert sei hier an die alte Fabel, in der sich die Körperteile streiten, wer die Hauptarbeit für das Überleben des gesamten menschlichen Körpers tue. Die bekannte Pointe ist natürlich, dass dies nicht eindeutig auszumachen ist, sondern Leben ein komplexes Zusammenspiel mit unzählbaren Wechselwirkungen aller Organe darstellt. So auch hier. Arbeit ist ein Resonanzphänomen auf und durch unterschiedliche Teilsysteme wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Erziehung, Medien und Recht.

Arbeit habe eben, mit einem Begriff des französischen Philosophen Michel Serres ausgedrückt, parasitären Charakter (S. 179). Arbeit ist der Parasit, der Komplexität schafft und sie gleichzeitig reduziert, um das Zusammenspielen der Teilsysteme zu ermöglichen. Der Parasit Arbeit wird damit Teil des Systems und ununterscheidbar vom System selbst. "Der Parasit wird vor der Form des Sollwerts erst als Störfaktor sichtbar und andererseits erlaubt erst das Rauschen eine Umwelt, vor der die Form einer Regelgröße unterscheidbar wird." (S. 178). Einfach ausgedrückt: Arbeit löst Probleme und schafft gleichzeitig neue Probleme. Osmetz hält diese Tatsache für unsausweichlich und letztlich nicht hintergehbar (S. 183):
  • "Arbeit ist der Wirt, von dem wir leben"
  • "Arbeit ist der Parasit, der uns unsere Zeit nimmt."
  • "Arbeit ist der Störer, denn sie stört den, der sie verrichtet, die Nachbarn und die Umwelt durch den von ihr produzierten Abfall."

Osmetz empfiehlt, nicht nur den wertschaffenden Teil der Arbeit zu sehen, sondern den Scheinwerfer des Beobachters auf die gerne verdrängte Seite der Wertvernichtung zu richten, die ihren Ausdruck in Leistungszwang, nebensächlichem Privatleben und vor allem Arbeitslosigkeit findet (S. 186). Osmetz verspricht sich von dieser differenzierteren Sicht ein neues Verständnis und neue Möglichkeiten von Arbeit, "dass der Parasit erkennt, dass er den Wirt zum Überleben braucht" (S. 186).

Der kritische Leser fragt sich spätestens an diesem Punkt, was er von diesen Erkenntnissen hat. Die Antwortet lautet schlicht und einfach: Arbeit. Spätestens hier wird deutlich, es gilt Abschied zu nehmen, von Rezepten und mit großem Aufwand erworbenen Gewissheiten zum Thema Arbeit. Es wird Ernst mit der Freiheit, Arbeit zu erfinden und zu gestalten, eben weil nicht mehr feststeht, was Arbeit ist.

Bedenkt man, dass Arbeit hauptsächlich im Rahmen von Organisationen stattfindet, beginnt man zu ahnen, wen Osmetz als Adressaten für diese Botschaft ausmacht. Ganz sicher Manager, Berater, Hochschullehrer und Studenten, vielleicht auch und das wäre zu wünschen, Politiker. Würde das Buch hier enden, wäre es schon brisant genug, sich damit auseinanderzusetzen. Im sechsten Kapitel dann zeigt Osmetz auf, was man mit diesen Erkenntnissen, zieht man daraus Handlungskonsequenzen, anfangen kann, wenn man sich die Arbeit machen will.

Ihm geht es hier um die Frage, wie lässt sich die in Organisationen stattfindende Arbeit erhalten und gestalten. Welche Einwirkungsmöglichkeiten gibt es, um die Arbeit in Organisationen zu verändern? Dies soll hier nur kurz angedeutet werden, um nicht die Pointe des Buches vorwegzunehmen. Organisationen gefangen in ihren Routinen benötigen vor allem "externe Starrheit" im Sinne einer tiefen Störung von Außen, die sich nicht wie üblich absorbieren lässt (S. 203).

Eine besondere Rolle kommt dabei dem Management zu, externe Starrheit auszuhalten und zu verarbeiten. Osmetz greift dabei die heiligen Kühe der klassischen Betriebswirtschaftslehre und Führungswissenschaften wie Planbarkeit, rationale Entscheidungsfindung und hierarchische Gliederung an. Am eindrucksvollsten wird es für mich dort, wo er den Fetisch der achtziger und neunziger Jahre "Arbeit nach Zielvereinbarungen" aufgreift und den viele Berater immer noch mit dem Gestus verkaufen, als sei er gestern erst erfunden worden.

Dass Osmetz eben kein Feind von Zielen ist und was er dagegen hält, dürfte für jeden Verantwortungsträger in Organisationen von fundamentalem Interesse sein. Denn Fakt ist: Es gibt diese suggerierten Sicherheiten für die Arbeit in Organisationen nicht. Management ist ein eben ein mit Unsicherheiten behafteter Prozess, weil Organisationen nicht als triviale Maschinen funktionieren. Mit Bardmann sagt er, "es gibt keine Prinzipien mehr, die durchgehalten werden müssen, es gibt den ´rechten Weg` nicht mehr, von dem man nicht mehr ablassen dürfte, es gibt das Ziel nicht mehr, das man auf Biegen und Brechen erreichen müsste."

Die Botschaft dieses Buches lautet so gesehen, dass es in überlebensfähigen Organisationen künftig darum gehen wird, Sicherheit im Umgang mit Unsicherheit zu gewinnen. Das wird allen selbsternannten Klarheitsschaffern und Rezeptdenkern schwer missfallen und sie werden mit Bedauern konstatieren, dass die intellektuellen Spielereien einer gewissen Fraktion nun auch die Betriebswirtschaftslehre erreicht haben. Wer aber in der Gestaltungsarbeit an und in Organisationen die Wiederholungsschleifen des "mehr vom Gleichen" verlassen will, erhält durch die Beobachtungen von Dirk Osmetz wertvolle Anregungen oder gar Anlass, sein mentales Modell von der Arbeit in Organisationen zu überdenken.

Dieses Buch bringt den Leser mit einem Schlag auf die Höhe der Zeit zum Thema Arbeit. Möglich wird dies nicht zuletzt durch die klare thematische Gliederung und eine verstehensfreundliche sprachliche und bildhafte Gestaltung, die vielen Lesern den Zugang zu der schwierigen Materie von Formenkalkül, Kybernetik 2. Ordnung und Autopoiesis (endlich) eröffnen dürfte. Das Buch könnte ein Standardwerk werden. Ich bin gespannt auf die Resonanz in den Fächern Betriebswirtschaftslehre und Organisationswissenschaft.

Gelesen und besprochen von: Johann Scholten


>Seitenanfang