ORGANISATIONSBERATUNG

Warum Start-Up Unternehmen Organisationsentwicklung brauchen

Zur Ausgangssituation
Kleine Unternehmen, z.B. in der High-Tech-Branche starten mit einer bestimmten Dienstleistungs- oder Produktidee. Die Gründer, ein oder mehrere Gesellschafter, manchmal ein Ehepaar oder auch enge Freunde, entwickeln in dieser ersten Phase enge freundschaftliche Bindungen an die Mitarbeiter "der ersten Stunde". Sie wählen jeden Mitarbeiter selbst aus und entscheiden neben fachlicher Eignung vor allem nach der sozialen Eignung, passt er oder sie zu uns. Das Unternehmen wird getragen von einer Idee, dem Charisma der Gründer und einer kollegial-freundschaftlichen Zusammenarbeit. Das tägliche operative Geschäft ist gekennzeichnet von schnellen und kurzen Kommunikationswegen, vor allem hat jeder sofort unmittelbaren Kontakt zum Chef oder zur Chefin. Im Grunde weiß jeder über alles Bescheid, weil es kaum Vorgänge gibt in denen nicht jeder Mitarbeiter irgendwie involviert ist.

Zwei wesentliche Prinzipien kennzeichnen diese Phase der Unternehmensentwicklung. Zum einen ist da das Führen über persönliche Beziehungen und Verpflichtungen, "der Chef darf nicht enttäuscht werden". Zum zweiten bilden operatives Geschäft, Strategie und Organisation weitestgehend eine Einheit. Die kurzen Kommunikationswege erlauben Ad-hoc-Entscheidungen in allen drei Bereichen. Die Mitarbeiter haben das Gefühl, sie wissen welche Ziele sie erreichen wollen und was zu tun ist. Irritationen gibt es nicht und wenn doch, können sie schnell behoben werden aufgrund der unmittelbaren Kommunikation zur Geschäftsleitung und zu Kollegen. Kunden erleben solche Unternehmen als kompetent, freundlich und intelligent. Die Stärke solcher Unternehmen ist ihre Flexibilität sowohl nach innen als auch nach außen.

Welcher typische Wendepunkt tritt ein?
Nach einer Vorlaufzeit von zwei bis drei Jahren tritt eine dramatische Veränderung ein. Das Unternehmen wird erfolgreich, es behauptet sich am Markt und die Nachfrage wächst. Damit wachsen auch das Unternehmen und die Mitarbeiterzahl. Und jetzt treten auf einmal Probleme auf. Bisher wurden alle Mitarbeiter problemlos integriert. Aber ab einer Personenzahl von ca. dreißig treten für die Mitarbeiter bisher unbekannte Phänomene auf.

Der oder die Gründer spüren nach einer langen Phase der Überlastung, dass es so nicht weiter gehen kann und wollen sich Entlastung schaffen durch Neuorganisation. Oft ziehen sie sich aus dem operativen Geschäft zurück und übernehmen strategische Aufgaben und unterstützen den Vertrieb aufgrund ihrer exzellenten Kontakte und profunden Marktkenntnis. Wächst die Mitarbeiterzahl auf vierzig bis fünfzig werden häufig Manager von außen mit großem Verantwortungsbereich eingestellt.

Der neue Manager kann unmöglich das Führungsprinzip der persönlichen Bindung aufrechterhalten, er führt hoch qualifizierte Leute eher über Commitment. Hier sind die ersten Irritationen vorprogrammiert. Zwei Führungsprinzipien, Führen über persönliche Beziehung zum Einen und Führen durch Selbstverpflichtung zum anderen laufen parallel mit allen bekannten Folgeerscheinungen wie Verunsicherung auf Seiten der Mitarbeiter bis hin zum Konflikt zwischen Gründer und verantwortlichem Manager.

Viele Mitarbeiter erleben den Gründer plötzlich als weit weg und verstehen seine/ihre Handlungen und Verhaltensweisen nicht mehr.

Noch bedeutsamer für die Zusammenarbeit ist die Tatsache, dass an diesem Punkt der Entwicklung die selbstverständliche Einheit von operativem Geschäft, Strategie und Organisation auseinander fallen. Es treten Fragen auf, die im Unternehmen offen oder verdeckt vehement diskutiert werden. Warum kennt Mitarbeiter X seine Aufgaben nicht? Warum wurden die Bereiche xy zusammengelegt und z bildet eine eigene Abteilung? Warum hält der Materialeinkauf nie seine Zeitvorgaben? Wieso arbeiten wir plötzlich gegeneinander, das gab's doch früher nicht? Wer trifft hier eigentlich die strategischen Entscheidungen, wir verzetteln uns sonst. Solche oder ähnliche Fragen stehen dann im Raum.

Was gestern noch als Tugend oder Erfolgsrezept galt, wird plötzlich fragwürdig. Kennzeichnend für diese Phase sind eine wachsende Unzufriedenheit bei manchen Mitarbeitern und eine tiefe Enttäuschung bei den Gründern, die aufgrund ihrer engen Verbundenheit zu den Mitarbeitern deren Kritik, Konfliktbereitschaft oder gar Kündigung als persönliche Kooperationsverweigerung nehmen. Es besteht bei allen Beteiligten die Tendenz, organisationale Probleme zu personalisieren. Es kommt zu Fluktuation, Unzufriedenheit und Widerstand.

Die graduelle Ausprägung dieser Entwicklungsphase variiert natürlich von Unternehmen zu Unternehmen, findet jedoch prinzipiell statt. Als Bewältigungsstrategie wird der alte Geist beschworen, den es zu erhalten gilt, obwohl die meisten innerlich wissen oder ahnen, dass es kein Zurück mehr in der Unternehmensentwicklung gibt.

Das Unternehmen befindet sich in einem Veränderungsprozess, weg von der Pionierphase hinein in die Phase der Professionalisierung und Integration, um als marktfähiges Unternehmen zu bestehen.

Das Bewusstsein für diese Entwicklung ist in der Außenperspektive bei den meisten arbeitenden Menschen durchaus vorhanden, bei den Betroffenen aus der Innenperspektive in der Regel nicht. Denn wer denkt in der euphorischen Gründungsphase schon gern an die kommenden Probleme, die sich ohnehin nicht vorweg lösen lassen. Häufig sind es die zuletzt gekommenen Manager oder die Gründer selber, die die Initiative ergreifen und das gesamte Unternehmen in eine Reflexionsphase führen, um diesen Veränderungsprozess als Gesamtorganisation zu bewältigen. Dabei kann professionelle Organisationsberatung wertvolle Hilfe und Impulse geben.

Was ist zu tun?
Aus organisationsberaterischer Sicht geht es darum, nach der Pionierphase den nächsten Entwicklungsschritt des Unternehmens zu fördern und zu begleiten. Dabei sind zwei Punkte zu beachten: Es geht in dieser Phase um die Struktur - abgeleitet aus Vision und Zielen - und um den Prozess, abgeleitet aus den Unternehmenszielen, den Kundenbedürfnissen und dem Potenzial der Mitarbeiter. Wichtig für das Management als Entscheider ist an der Stelle zu sehen, dass es um eine umfassende organisationale Veränderung geht.

Ein Kooperationstraining würde sicherlich (kurzfristig) Entlastung bringen, aber die organisationalen Problemstellungen nicht genügend berücksichtigen. Eine rein strukturorientierte Unternehmensberatung würde, so richtig und zutreffend die Analysen und Schlussempfehlungen auch sein mögen, Gefahr laufen, wirkungslos zu bleiben, weil sie gerade in Gründerunternehmen wenig Anschluss finden. Die Menschen in solchen Unternehmen sind es gewohnt, selbst zu denken und sind in der Regel skeptisch gegenüber vorgefertigten Konzepten und aufdiktierten Verhaltensweisen.

Genau diese Fähigkeit zum selbständigen Denken bildet die Grundvoraussetzung für einen umfassenden organisationalen Veränderungsprozess. Das geht allerdings nicht ohne Reflexion, Handeln, Auswertung des Handelns. Ein derartiger Organisationsberatungsprozess bedarf Phasen der "Auszeit", um Ergebnisse zu erzielen. Für handlungsorientierte Pioniergeister ist dies oftmals eine ziemliche Zumutung, waren doch gerade Intuition und schnelles Handeln bisher Grundlage ihres Erfolges.

Aber: Darunter ist die Bewältigung dieser Phase nicht zu haben, vorausgesetzt der Verkauf oder die Strategie "einfach-weitermachen-wie-bisher" sind keine wirklichen Alternativen.

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